Maria, der Weltkrieg und die "Lost Generation":

Max Kahlke | 2

"Alle Götter sind tot, alle Kriege gekämpft, alle Glauben im Menschen zerschmettert." F. Scott Fitzgerald hat das Lebensgefühl der "Lost Generation" ausgesprochen, die - geboren zwischen 1883–1900 - auf den Schlachtfeldern von Verdun die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts durchlitten hatte. Biblische Bilder allein, so waren die Sensibleren überzeugt, konnten diesen apokalyptischen Schrecken ausdrücken.

Die Maler Max Beckmann (1884-1950) und Otto Dix (1891-1969) schufen Passionsbilder und -altäre ohne Erlösungshoffnung, der Lyriker Wilfred Owen (1893-1918) begriff den Weltkrieg als Isaaks millionenfache Opferung: Der Engel sprach: Lege die Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts an. Sieh da, ein Widder, der mit seinen Hörnern sich im Dickicht gefangen hat: - Opfere den Widder deines Stolzes an seiner Stelle. Aber der alte Mann tat das nicht. Er schlachtete seinen Sohn - und die Hälfte der Zukunft Europas, einen nach dem anderen.

Im Werk von Max Kahlke markiert der Krieg einen Bruch. "Menschlich und künstlerisch konnte so wie bisher nicht weitergelebt werden. Zukünftig musste es um Wesentlicheres gehen." (Hans-Peter Widderich)

Altar

Seine Bildsprache wird "gotischer"  mit überstreckten Formen und expressiven Farben. Thematisch kreisen die Werke um Gewalt, Martyrium und Tod. Um 1925 hellt sich Kahlkes Bildwelt auf: Neben die Pieta tritt die Madonna, neben und gegen Leiden und Tod werden Liebe und Geburt gesetzt. Persönliche Erlebnisse - Geburt einer Nichte, Beziehung zu Käthe Saul - haben eine Rolle gespielt. Kahlkes Madonna, so Käthe Saul 1977, habe eine Brust wie Rosen am Stiel und einen fülligen Bauch.: "Er war ein moderner Spätgotiker. Denen war der dicke Bauch Symbol der Weltmitte in der Gottesmutter."

Die linke Tafel des Marienaltars im St. Petri-Dom zeigt einen zellenartigen Raum. Marias Gesicht leuchtet von innen, ihre Arme sind weit geöffnet. Durch das Fenster fällt Himmelslicht und HImmelsblau auf ihren Schoß. Der Verkündigungsengel kommt ihr nicht grüßend entgegen. Er bleibt - für Maria selbst unsichtbar - in ihrem Rücken und umgibt sie schützend mit seinen Armen. Auffällig ist der Kontrast im Schuhwerk: Maria trägt modische Pumps der 20er Jahre, der Engel ist barfuß: Himmelswesen brauchen keine Schuhe.

Im Mittelteil liegt das Kind nackt und bloß in Marias Schoß. Es ist Frühsommer in der Elbmarsch: Gänseblümchen, Löwenzahn noch vor der Blüte, Entwässerungsgräben, die Elbe. Marias Heiligenschein verfließt mit dem norddeutschen Wolkenhimmel. Sie hält ihr Kind nicht, sondern umgibt es schützend mit Armen und Händen. Die Hirten links tragen Straßenanzüge und Arbeitskleidung, Staunen und Verwunderung sind ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Könige rechts treten mit Robe und Pelzkragen auf. Einer hält seine Krone zögernd unschlüssig in der Hand. Gemeinsam beugen sie ihre Häupter und Knie vor Maria und dem Kind.

Auf der rechten Tafel hat sich der Himmel verdüstert. Maria trägt ihren toten Sohn im Arm und auf dem Schoß, das Haupt verhüllt, den Mund schmerzvoll herab gezogen. Inneres Licht erhellt die Szene: der leichenblasse Korpus des Gekreuzigten, sein kaltweisser und Marias warm leuchtender Heiligenschein. Auch die Natur trauert: Verblüht und welk steht der Löwenzahn auf dem nackten Erdboden.

Loewenzahn

Literatur:
Winter, Ernst Michael (Hg.): Max Kahlke, Hamburg 1981
Kreismuseum Itzehoe und Verein der Freunde und Förderer des Detlefsenmuseums e.V. Glückstadt (Hg.): Max Kahlke 1892-1928, Itzehoe 1992.

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Kahlke



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Marienaltar